Über den Karlsruher Klimafonds entwickelt und realisiert die KEK seit Jahren Aufforstungsprojekte in Ecuador. Ende letzten Jahres fand im „El Cortijo Bambusa“ in San Miguel de Los Bancos ein Workshop zum Thema Aufforstung mit einheimischen Baumarten statt. Nach über zehn Jahren praktischer Erfahrung in der Wiederaufforstung des ecuadorianischen Nebelwaldes wurde das gesammelte Wissen an Interessierte weitergegeben. Alle 25 Plätze waren in kurzer Zeit vergeben.
Organisiert und geleitet wurde der Workshop von Nico, Majo und Pedro, dem lokalen Aufforstungsteam der KEK in Los Bancos. Seit vielen Jahren begleiten sie die Projekte vor Ort und brachten ihre umfassende Erfahrung direkt in den Workshop ein.
Pünktlich um 9 Uhr versammelten sich die Teilnehmenden in einem halboffenen Raum, der vollständig aus Bambus errichtetet wurde. Der Veranstaltungsort wurde von Roberto, dem Besitzer der Finca „El Cortijo Bambusa“ und Kooperationspartner der KEK, gebaut und zur Verfügung gestellt. Durch die unmittelbare Nähe zur Aufforstungsfläche Milpe war der Ort ideal gewählt, da der Praxisteil am Nachmittag dort stattfinden sollte.
Der Workshop-Auftakt fand in einem halb offenen komplett aus Bambus gebauten Raum neben der Aufforstungsfläche Milpe statt.
Nach einer kurzen virtuellen Begrüßung durch Dr. Anne Held, Geschäftsleiterin der KEK, begann der inhaltliche Teil des Workshops. Den Auftakt machte Pedro, der die Aufforstungsarbeiten seit ihren Anfängen vor über zehn Jahren begleitet. Anhand des Umweltzentrums Mindo Lindo berichtete er von seinen Erfahrungen und stellte ein von ihm selbst entwickeltes und umgesetztes Aufforstungskonzept vor. Heute ist kaum noch vorstellbar, dass sich auf dem Gelände einst eine baumlose Viehweide befand.
Im Anschluss präsentierte Forstingenieur Nico die Aufforstungsprojekte der KEK. Insgesamt wurden bereits über 70 Hektar Fläche in fünf Projektgebieten aufgeforstet. Er vermittelte fundiertes Wissen zur Anzucht von Setzlingen, zum Aufbau von Baumschulen sowie zur sorgfältigen Planung und Umsetzung der Projekte. Dabei spannte er den Bogen von der Vermessung der Flächen vor der Pflanzung bis zur jahrelangen Pflege der jungen Bäume. Ergänzend dazu gab die Buchhalterin Majo einen Einblick in die Kostenstruktur und die finanzielle Organisation der Projekte.
Nico vermittelte viel Wissen über die Anzucht von Setzlingen, den Aufbau von Baumschulen und die Planung und Umsetzung von Aufforstungsprojekten.
Nach der Mittagspause ging es in zwei Gruppen hinaus zur Aufforstungsfläche Milpe. Bei der Exkursion konnten die Teilnehmenden verschiedene Baumarten direkt vor Ort kennenlernen und das am Vormittag vermittelte Wissen in der Praxis erleben. Dabei blieb es nicht beim Zuschauen. Es wurden Pflanzkreise angelegt und Setzlinge eigenhändig gepflanzt.
Nachmittags konnten die Teilnehmenden die Aufforstungsfläche Milpe besuchen und Gelerntes bei Pflanzübungen direkt in die Praxis umsetzen.
Die offene Atmosphäre führte zu lebhaften Diskussionen. Es wurden viele weiterführende Fragen gestellt, dass die Zeit kaum ausreichte, um alle ausführlich zu beantworten. Ein Teilnehmer hob besonders die wertschätzende Dynamik des Workshops hervor, in der jede Frage willkommen war. Diese Vielfalt spiegelte sich auch in der Zusammensetzung der Gruppe wider. Landwirtinnen und Landwirte aus Los Bancos, Schülerinnen und Schüler einer lokalen Fachschule, Teilnehmende aus größeren Städten wie Quito und Ibarra sowie zwei Professoren ecuadorianischer Universitäten konnten hier gemeinsam ihr Wissen erweitern.
Zum Abschluss eines intensiven und lehrreichen Tages erhielten alle Teilnehmenden ein Teilnahmezertifikat. Sowohl die Organisatorinnen und Organisatoren als auch die Teilnehmenden waren sich einig, dass der Workshop ein voller Erfolg war. Der Wunsch nach weiteren Veranstaltungen in diesem Format wurde vielfach geäußert. Dieser Eindruck bestätigte sich auch in der anonymen Evaluation. Hundert Prozent der Teilnehmenden würden den Workshop weiterempfehlen, und 95 Prozent gaben an, in naher Zukunft selbst eine Aufforstungsaktivität durchführen zu wollen.
Am Ende des Workshops erhielten alle Teilnehmenden ein Teilnahmezertifikat.
Anfang März 2024 erreichte das Projektteam der Karlsruher Energie- und Klimaschutzagentur (KEK) eine spannende Nachricht. Nicanor Mejía, Mitglied des Aufforstungsteams auf ecuadorianischer Seite, hat eine bisher unbekannte Baumart auf der neuesten Aufforstungsfläche „La Esperanza“ entdeckt. Vom bisher größten Aufforstungsvorhaben der KEK auf dem Grundstück „La Esperanza“ haben wir bereits im August 2024 berichtet.
Unsere Projektleiterin Julia Ohmes wollte mehr über die Hintergründe erfahren: Wie kam es zu dieser Entdeckung? Wie wurde daraus eine wissenschaftliche Publikation? Und was steckt sonst noch dahinter?
Nicos Artenkenntnisse der ecuadorianischen Flora sind eine große Bereicherung für die Aufforstungsprojekte.
Wo hast Du den Baum entdeckt?
Der Fund erfolgte im Sektor Pueblo Nuevo im Kanton San Miguel de los Bancos in der Provinz Pichincha in Ecuador. Ich war gerade in einem Nebelwaldgebiet auf etwa 1560 Metern Höhe unterwegs; innerhalb des Aufforstungsprojekts „La Esperanza“, das von der KEK in Kooperation mit der Artenschutzstiftung Zoo Karlsruhe realisiert wird. Es handelt sich um eine Umgebung mit großer Artenvielfalt.
Wie kam es zur Entdeckung der neuen Baumart?
Ich musste ein paar Aufgaben im Gelände im Rahmen des Aufforstungsprojekts „La Esperanza“ erledigen. Ich ging einen Pfad entlang, der durch eine Schlucht führt, als ich einen Baum bemerkte, der durch seine großen Blätter und seine ungewöhnliche Form auffiel. Ich näherte mich und stellte fest, dass es sich um eine Passiflora (Passionsblume) handelte. Dies war auffällig, denn die meisten Arten dieser Gattung sind Lianen und keine Bäume. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Baum weder Blüten noch Früchte. Trotzdem machte ich Fotos und konsultierte den Botaniker Xavier Cornejo der Universität Guayaquil, der vermutete, dass es sich um eine neue Art handeln könnte. Einen Monat später kehrte ich an diesen Ort zurück und fand den Baum in voller Blüte vor.
Wie bist Du zu der Auffassung gekommen, dass es sich tatsächlich um eine noch unbekannte Art handelt?
Die Kombination der Merkmale war eindeutig: Der Baum hat eine Höhe von bis zu 15 Metern, besitzt keine sichtbaren Ranken, glatte, ganze Blätter, große Blüten (7–8 cm Durchmesser) und fast kugelförmige Früchte mit einer blassgrünen Oberfläche. Keine der in Ecuador bekannten Passiflora-Arten weist diese Merkmale auf, nicht einmal innerhalb der Untergattung Astrophea, zu der sie gehört.
Die neue Baumart wurde auf der Aufforstungsfläche „La Esperanza“ entdeckt.
Welche besonderen Merkmale besitzt die neue Passiflora und wie unterscheidet sie sich zu verwandten Arten?
Bei der neuen Passiflora handelt es sich um einen hohen Baum ohne Ranken mit gut ausgebildeten Ästen. Die Blätter sind ganzrandig, unbehaart und eiförmig mit einer blassen Unterseite. Die Blüten sind groß und weiß, die Früchte rund mit einer grünlich weißlichen Oberfläche. Im Vergleich zu anderen ähnlichen Arten wie P. magnoliifolia und P. emarginata zeichnet sich diese durch ihre größere Größe, glatten Früchte und ihr Vorkommen ausschließlich in den nordwestlichen Anden Ecuadors aus.
Wieso habt ihr euch für den Artnamen Passiflora dendroidea entschieden?
Der Name dendroidea stammt aus dem Griechischen dendro- (Baum) und -oidea (ähnlich) und bezieht sich auf seinen baumartigen Wuchs, der für die Gattung Passiflora ungewöhnlich ist.
Wie wurde aus der Entdeckung eine wissenschaftliche Beschreibung?
Als ich den Baum einen Monat nach der ersten Entdeckung wieder besucht habe, hat er geblüht. Nun konnte ich Material wie Blätter, Blüten und Früchte sammeln und mit Exemplaren aus dem Herbarium vergleichen. In Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten erstellten wir eine detaillierte Beschreibung gemäß dem Internationalen Kodex für botanische Nomenklatur. Schließlich wurde die Art im April 2025 in der Zeitschrift Phytotaxa veröffentlicht. Von der ersten Begegnung mit dem Baum am 24. Februar 2024 bis zur offiziellen Veröffentlichung im April 2025 ist also etwas mehr als ein Jahr vergangen.
Links: Ausschnitt aus der wissenschaftlichen Beschreibung der neu entdeckten Baumart Passiflora dendroidea (© Kuethe, J., Cornejo, X., Garzón-Suárez, H.X., Jiménez, M.M., Wettges, M., Magdalena, C., Mejía-Pazos, N., Flores, J.C.E. & Decoux, J. (2025) Passionflower trees of Ecuador: revising the presence of Passiflora subg. Astrophea (Passifloraceae) and including resolution to the P. putumayensis and P. macrophylla taxonomic complexes. Phytotaxa 697 (2): 147–165.)
Rechts: Nico vor einem Exemplar des neu entdeckten Passiflora Baums
Welche Methoden habt ihr genutzt, um die Art zu klassifizieren?
Wir haben detaillierte morphologische Analysen von Blüten, Blättern und Früchten durchgeführt, Vergleiche mit Typusexemplaren in Herbarien angestellt, Literaturrecherchen gemacht und Tools wie ArcGIS und GeoCAT eingesetzt, um die Verbreitung zu kartieren und den Erhaltungszustand nach den Kriterien der IUCN (International Union for Conservation of Nature) zu bewerten.
Wie ist der Erhaltungszustand der neuen Passiflora Art?
Sie ist vom Aussterben bedroht. Obwohl mehrere Populationen in Reservaten wie El Cedros, Mindo und Intillacta gefunden wurden, ist ihre Verbreitung begrenzt und fragmentiert. Die Besiedlungsfläche wird auf nur 32 km² geschätzt, weshalb vorgeschlagen wurde, sie gemäß den Kriterien der IUCN als gefährdet (VU für vulnerabel) einzustufen.
Ist die Passiflora Deine erste Entdeckung einer neuen Baumart?
Nein. Passiflora dendroidea ist die zweite neue Art, die ich entdeckt habe. Die erste war Capparidastrum estrellae, ein Baum ebenfalls aus dem Nordwesten Ecuadors. Diesen Baum habe ich 2021 im Rahmen eines anderen Aufforstungsprojekts mit der KEK entdeckt und im Nachgang wissenschaftlich beschrieben .
Wie bist Du zu dem Experten für ecuadorianische Gehölze geworden, der Du heute bist?
Meine Ausbildung im Bereich Forstwirtschaft hat dazu geführt, dass ich angefangen habe Bäume aus ökologischer, taxonomischer und restaurativer Sicht zu studieren. Ich arbeite schon seit Jahren im Feld, insbesondere im Westen Ecuadors. So kann ich direkte Erfahrungen mit der einheimischen Flora sammeln.
Was treibt Dich als Botaniker an – was motiviert Dich?
Mich motiviert mein Interesse die Artenvielfalt der Anden- und Tropenökosysteme zu erforschen, zu dokumentieren und zu schützen. Die Identifizierung neuer Arten ermöglicht es, ihre Existenz anzuerkennen und technische, sowie wissenschaftliche Argumente für ihren Schutz zu liefern.
Glaubst Du, es gibt noch viele unentdeckte Baumarten im ecuadorianischen Nebelwald?
Ja. Trotz der Fortschritte in der Botanik sind viele Gebiete des Nebelwaldes noch wenig erforscht. Die Wahrscheinlichkeit, neue Arten zu finden, insbesondere in wenig untersuchten Gruppen oder abgelegenen Gebieten, ist nach wie vor hoch.
Welche Relevanz hat die Artenvielfalt für uns als Gesellschaft und wie können wir diese Vielfalt besser schützen?
Die biologische Vielfalt ist für die Erhaltung des Lebens und des menschlichen Wohlergehens von entscheidender Bedeutung. Sie versorgt uns mit sauberem Wasser, Nahrungsmitteln, sauberer Luft und wichtigen ökologischen Dienstleistungen wie Bestäubung, Klimaregulierung und Bodenbildung. Im Zusammenhang mit der ökologischen Wiederherstellung bedeutet der Schutz der Biodiversität, die Funktionsfähigkeit der Ökosysteme wiederherzustellen, die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel zu verbessern und nachhaltige Lebensgrundlagen für die Gemeinden zu sichern. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Maßnahmen vor Ort zu kombinieren, die Umwelterziehung zu fördern und öffentliche Maßnahmen umzusetzen, die Naturschutz und Entwicklung miteinander verbinden.